ReiseberichteIslandAuf den Spuren des Polarfuchses (2009)

Auf den Spuren des Polarfuchses (2009) - Seite 12

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Auf den Spuren des Polarfuchses (2009)
Donnerstag, 25.Juni: Flug nach Reykjavík
Freitag, 26.Juni: Reykjavík - Ísafjörður
Samstag, 27.Juni: Hrafnfjörður - Skorarvatn - Drangajökull
Sonntag, 28.Juni: Skorarvatn - Bolungarvík
Montag, 29.Juni: Bolungarvík - Smiðjuvík
Dienstag, 30.Juni: Smiðjuvík - Látravík
Mittwoch, 1.Juli: Hornbjarg
Donnerstag, 2.Juli: Látravík - Hornvík
Freitag, 3.Juli: Hornvík - Hlöðuvík
Samstag, 4.Juli / Sonntag, 5.Juli: Hlöðuvík - Fljótsvatn
Sonntag, 5.Juli: Fljótsvatn
Montag, 6.Juli: Fljótsvatn - Hesteyri
Dienstag, 7.Juli: Hesteyri - Ísafjörður
Mittwoch, 8.Juli: Ísafjörður - Reykjavík
Donnerstag, 9.Juli: Reykjavík - München
Epilog
Informationen zu Hornstrandir
Alle Seiten

Sonntag, 5.Juli: Fljótsvatn

 

Gegen halb zehn Uhr lockt uns das schöne Wetter aus den Zelten. Blauer Himmel, eindrucksvolle Wolkenformationen und ein kräftiger Wind. Unser Camp liegt inmitten grüner Wiesen, die von einem Geflecht kleiner Bäche mit kristallklarem Wasser durchzogen sind. Man kann sich bequem an den Rand des Baches setzen und die Morgentoilette erledigen. Jeder von uns hat gewissermaßen sein eigenes Badezimmer.

Wolkenspiele: Stratocumulus Lenticularis

Wolkenspiele: Stratocumulus Lenticularis

 

Nach dem Frühstück beraten wir über den Weiterweg. Wir haben zwei Möglichkeiten. Die erste: wir wandern, wie ursprünglich geplant, hinüber zur Bucht Aðalvík und von dort aus nach Hesteyri. Das wären zwei volle Tagesetappen. Am Dienstagabend wartet unser Boot in Hesteyri, wir hätten also, den heutigen Tag eingerechnet, drei Tage zur Verfügung. Allerdings darf dann nichts Unvorhergesehenes passieren. Die zweite Möglichkeit: wir legen heute einen Ruhetag ein und gehen morgen auf direktem Weg über Glúmsdalur und Háaheiði nach Hesteyri. Das ist die sichere Variante, bei der wir allerdings die den Beschreibungen nach schöne Bucht Aðalvík auslassen.

In der Aussicht auf einen faulen Tag bei angenehmem Wetter fällt die Entscheidung für Variante zwei. So können wir in aller Ruhe unsere Sachen ordnen, ein paar verschwitzte Sachen herauswaschen, die nähere Umgebung erkunden oder einfach nur im Gras liegen und faulenzen.

Im Laufe des Vormittags wird der Wind immer kräftiger und böiger. Deshalb verziehen wir uns bald in die Zelte, um ein wenig zu lesen oder zu dösen. Ich liege im Halbschlaf, als ich plötzlich ein eigenartiges Geräusch vernehme: rrrrrtsch, rrrrrtsch, zweimal klingt es so als würde man ein Stück Stoff zerreißen. War das jetzt Traum oder Wirklichkeit? Ich schlage die Augen auf und blicke gegen ein ungewöhnlich helles,  von der Sonne beschienenes Innenzelt. So schnell habe ich wahrscheinlich noch nie das Zelt verlassen. Draußen angekommen sehe ich die Bescherung: der böige Wind hat einen 40 bis 50 Zentimeter langen Riss in der Außenhaut hinterlassen. Im Eiltempo knüpfe ich das Zelt vom Gestänge ab und lege es flach auf den Boden, um dem Wind die Angriffsfläche zu nehmen. Die anderen haben sich auch schon aus ihren Schlafsäcken geschält.

An dieser Stelle muss ich ausnahmsweise ein wenig Werbung machen, für das Zelt nämlich, welches uns auf unserer Tour begleitet hat. Ich schicke voraus, dass ich mit der Firma Vaude weder verwandt oder bekannt bin, noch erhalte ich ein Salär für diese Zeilen. Das Zelt, ein Mark II, hatte ich vor fünfzehn (!) Jahren anlässlich unserer ersten Schottlandfahrt gekauft, und es war auf vielen Reisen durch ganz Europa und selbst in Afrika ein treuer Begleiter. Das Aufbauprinzip des Zeltes ist genial einfach: man legt das Zelt auf den Erdboden und steckt das Gestänge aus Spezialaluminium an den vier Ecken der Plane in die dafür vorgesehenen Dorne. An diesem Gerippe hängt man dann mittels elastischer Schnüre die Zelthaut auf, das Innenzelt ist bereits am Außenzelt befestigt. Kein lästiges Einfädeln des Gestänges in irgendwelche Schläuche, kein getrennter Aufbau von Innen- und Außenhaut, mit etwas Übung kann man das Zelt selbst bei Wind allein innerhalb von fünf Minuten aufbauen. Mir ist kein anderes Zelt mit diesem Aufbauprinzip bekannt. Material und Verarbeitung sind erstklassig, es ist dicht und windstabil.

Der Riss im Zelt verläuft genau oberhalb der seitlichen Abspannung, dort wo bei Wind große Zugkräfte angreifen. Außerdem sind im Laufe der letzten 15 Jahre schon etliche Leute im Dunkeln über die seitliche Abspannung gestolpert, was manchmal unvermeidlich ist. Es war also nur eine Frage der Zeit, dass es zu einem solchen Malheur kommt. Übrigens hat Vaude die Schwachstelle offenbar schon erkannt: beim Nachfolgemodell Mark III (das zweite Zelt auf unserem Trek) verläuft an der Stelle, wo der Abspanner angreift, eine stabile Naht. Dort kann das Zelt praktisch nicht mehr reißen.

Wir beraten, was zu tun sei. Der Riss muss genäht werden, eine Reparatur allein mit Klebestreifen würde den bei Wind auftretenden Zugkräften nicht standhalten. Die Naht sollte keine Wulst bilden, damit später die Klebestreifen vollflächig auf dem Stoff aufliegen. Jetzt kommt uns Michas berufliche Erfahrung zugute: als Unfallchirurg hat er schon viele, wenn auch andere Risse genäht. Er schlägt Fasziendopplung nach Mayo vor, eine Naht, die den an sie gestellten Anforderungen genügt. Unser Zelt ist wahrscheinlich das erste, welches diese chirurgische Spezialbehandlung erfährt. Während Micha mit Sternzwirn näht, halte ich die Klammern. Nach einer halben Stunde kann der Wundverband angelegt und der Patient aus der Narkose geholt werden. Die Operation ist gelungen, das Zelt wird, trotz kräftigen Windes, die letzten drei Tage unserer Tour klaglos überstehen.

Notoperation

Notoperation

 

Der Rest des Nachmittags vergeht ohne besondere Vorkommnisse. Am frühen Abend kommen, mit schweren Rucksäcken bepackt, zwei junge Männer an unserem Camp vorbei, die ersten Wanderer seit zwei Tagen. Der jüngere der beiden ist ein hagerer Fünfzehn- oder Sechzehnjähriger. Respekt. Vor ihnen liegt der steile Aufstieg über das Þorleifsdalur, welches wir tags zuvor herabgekommen sind. Wir beneiden sie im Moment nicht darum.

Zwei einsame Wanderer

Zwei einsame Wanderer

 

Am Abend frischt der Wind noch einmal auf, auf dem Fljótsvatn bilden sich kleine Wellen. Es ist empfindlich kalt geworden, bald verschwinden wir in unseren Zelten.

Wellen auf dem Fljótsvatn

Wellen auf dem Fljótsvatn

 




Zuletzt aktualisiert am Montag, den 29. Dezember 2014 um 11:31 Uhr

 
Kommentare (4)
4Montag, den 24. Oktober 2016 um 09:45 Uhr
Ute
Hallo,
vielen Dank für den ausführlichen Tourenbericht. Er hat uns sehr geholfen, unsere diesjährige Trekkingtour auf Hornstrandir zu planen.
Allerdings sind wir von Hornvik in den Veidileysufjördur abgebogen.
liebe Grüße
Ute
3Samstag, den 30. März 2013 um 09:52 Uhr
Hartmut
Hallo Jobo,

die Bemerkung mit den Hunden bezieht sich selbstredend nicht auf ganz Island, sondern auf Hornstrandir. Dort gibt es keine ständigen Bewohner (mehr), und das Fehlen von Hunden würde auch aus Naturschutzgründen Sinn machen. Ich glaube, das mal irgendwo gelesen zu haben, kann aber die Quelle nicht mehr belegen.

Wenn es Dich interessiert, kannst Du Dir auch meinen bebilderten Bericht über unser Laugavegur-Trekking im letzten Jahr anschauen (www.gallery.quivertree.de).

Kamtschatka steht auch auf meiner Wunschliste ziemlich weit oben. Sollte meine Planung diesbezüglich konkret werden, denke ich an Dich. In diesem Sommer geht es erst mal auf Trekkingtour in den Sarek in Nordschweden. Dann gibt es auch wieder einen Bericht. Und wir sehen uns wahrscheinlich Anfang Juni.

Ostergrüße aus dem (momentan) schneefreien Alpenvorland.

Hartmut
2Freitag, den 29. März 2013 um 21:56 Uhr
Jobo
Hi Hartmut, jetzt als Ruheständler habe ich endlich Zeit, diese tollen Berichte ausführlich zu lesen. Und ich muss dir unumwunden mein Kompliment aussprechen. Andere legen sowas als Buch auf. Besonders Island hat es mir ja angetan. Die Polarfuchs-Story ist wunderbar.
Nur, wie kommst du darauf dass es in Island keine Hunde geben sollte? Aus Island kommt der älteste züchterisch seit 1000 Jahre unveränderte und damit "urtümlichste" Rassenhund. Schau auf meine HP vorbei...
Falls du mal eine Kamtschatka-Reise planst, melde dich doch mal.
Viele Ostergrüße aus dem verdammt verschneiten Erzgebirge
Jobo
1Sonntag, den 18. Oktober 2009 um 12:48 Uhr
Micha
Hallo Hartmut, nachdem ich jeden Tag mit Spannung auf die Fortsetzung des Reiseberichtes samt der Bilder warte, will ich endlich einmal ein dickes Lob über die Qualität abschicken! Die Fotos sind wirklich einsame Spitze...und durch die Texte erinnere ich mich an manche schon vergessene Begebenheiten. Warte auf die Fortsetzung... Viele Grüße auch an Evi und euch beiden herzlichen Glückwunsch zur zweiten Großelternschaft! Micha, Kathleen, Leo und Nele

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