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Colosseum Live 2007

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Colosseum Live 2007

Back On The Road Tour

von Hartmut Schlichter

 

Es mag im nachhinein übertrieben prophetisch klingen, aber als ich "Lost Angeles" vom Album "Colosseum Live" im Sommer 1971 zum ersten Mal hörte, wurde mir bewusst, dass dieses Stück in die Rockgeschichte eingehen wird. Heute zählt das Album in Fachkreisen zu den besten jemals aufgenommenen Rockalben. Die Magie von "Colosseum Live" wird wohl ewig ein Mysterium bleiben. Jon Hiseman meint heute, sie seien damals einfach auf die Bühne gegangen und hätten gespielt...

Damals, vor nunmehr 36 Jahren, war es für Rockfans in der ehemaligen DDR alles andere als einfach, aktuelle Rocktitel dauerhaft zu konservieren und Informationen zu den Künstlern zu bekommen. Die CD gab es noch nicht, ebensowenig den MP3-Player oder das Internet, und Schallplatten unserer Rockidole waren für uns unerreichbar. Zum einen wurde in den sechziger und siebziger Jahren westliche Rockmusik von offizieller Seite als dekadenter Auswuchs der kapitalistischen Subkultur angesehen (um der Wahrheit die Ehre zu geben, muss erwähnt werden, dass sich diese Einstellung gegen Ende der siebziger und zu Anfang der achtziger Jahre langsam zu wandeln begann), zum anderen waren die Devisen für die Einfuhr originaler Schallplatten oder für Lizenzpressungen im staatlichen Plattenverlag "Amiga" schlicht und einfach nicht vorhanden. So war der Mitschnitt von Musiksendungen im Westradio per Tonband oft die einzige Möglichkeit, an die begehrten Rocktitel zu gelangen (damals gab es noch Musiksender, die zwanzigminütige Rockballaden in voller Länge spielten, ohne jede Werbung!). Auf diese Weise landete "Lost Angeles" auf einem meiner zahlreichen Tonbänder aus jener Zeit (es befindet sich übrigens noch heute dort), eingerahmt von "Riders on the Storm" von den Doors und "Whipping Post" von den Allman Brothers.

Die Jahre um 1970 waren die wahrscheinlich aufregendsten in der Geschichte der Rockmusik. Das berühmte Woodstock-Festival war gerade vorüber, Jimi Hendrix, der wohl genialste Rock-Gitarrist aller Zeiten, lebte leider schon nicht mehr, und Rockmusiker waren dabei, Elemente aller möglichen Stilrichtungen zu adaptieren: Blues, Jazz, Klassik, Folk, Ethno, ... Colosseum - die von der breiten Öffentlichkeit wohl am meisten unterschätzte und am wenigsten beachtete Rockband - schuf in perfekter Weise eine Synthese aus Rock, Blues und Jazz. Blasinstrumente waren in der Rockmusik noch eher selten, Gruppen wie Blood, Sweat and Tiers, Chikago und nicht zuletzt Colosseum machten sie salonfähig.

Colosseum hatte ein nur kurzes, aber intensives musikalisches Leben, vor den Revival-Konzerten seit Anfang der neunziger Jahre. 1968 vom Schlagzeuger Jon Hiseman, der ursprünglich aus dem Jazz kam, gegründet, schrieb Colosseum bis zu seiner Auflösung im Jahre 1971 Rockgeschichte. Das im März 1971 an der Universität von Manchester aufgenommene Konzert markierte den musikalischen Höhepunkt der Gruppe und liegt dem Album "Colosseum Live" zugrunde. Wie stark Colosseum sich in diesen gut zwei Jahren musikalisch wandelte resp. steigerte, kann man sich vor Augen oder besser Ohren führen, wenn man die beiden auf dem Album "Valentyne Suite" (1970) vorhandenen Versionen von "Lost Angeles" mit der auf der "Colosseum Live" vergleicht: man mag gar nicht glauben, dass es sich um einunddasselbe Stück handelt.

In der Besetzung von 1971 war Colosseum perfekt: Jon Hiseman (Drums), Dave Greenslade (Organ), Dave Clem Clempson (Guitar), Mark Clarke (Bass), Dick Heckstall-Smith (Saxophone) und - last but not least - Chris Farlowe (Vocals). Chris Farlowe, einer der genialsten weißen Rhythm & Blues- und Rocksänger, stieß erst zu Colosseum, nachdem Clem Clempson sich geweigert hatte zu singen. Der Zufall ist oft Schöpfer des Genialen ...

Nach ihrer Auflösung 1971 wurde es für über zwanzig Jahre ruhig um Colosseum, und selbst viele Leute aus meiner Generation wissen mit dem Namen Colosseum nichts anzufangen. Die ehemaligen Bandmitglieder, alles exzellente Musiker, gingen ihre eigenen Wege - mehr oder minder erfolgreich. Im Jahre 1994 trommelte Hiseman seine Mannen wieder zusammen, und sie starteten ihre erste Revival-Tour. Seitdem passiert dies alle paar Jahre, zuletzt im Jahre 2005 und im April dieses Jahres.

Ein herrlicher Sommerabend mitten im Frühling war die perfekte Einstimmung auf das musikalische Highlight des Abends: am 19.April gastierte Colosseum in München. Das Publikum bestand, wie nicht anders zu erwarten, zur überwiegenden Mehrheit aus Vertretern meiner Generation - Leute, die ihre beste Zeit in den frühen siebzigern hatten und die man heute eher im Schrebergarten vermuten würde. Und dann waren sie da, die Rockidole unserer Jugend. In der Originalbesetzung von 1971, bis auf den unvergessenen Heckstall-Smith, der im Dezember 2004 verstarb. Seine Stelle am Saxophon nahm Barbara Thompson ein, die seit 2004 mit Colosseum tourt und unabhängig davon in der Jazz-Szene einen guten Namen hat.

Revivals hinterlassen ja oft einen faden Beigeschmack bei dem peinlichen Versuch, alte Zeiten wieder aufleben zu lassen und in das Licht einer veränderten Öffentlichkeit zurückzukehren. Nicht so bei Colosseum ... Das Konzert begann fast pünktlich, die Pause war wirklich kaum länger als die angekündigten zwanzig Minuten, und zwischen dem erstem Ton auf der Bühne und meinem ersten Blick auf die Uhr lagen drei Stunden Musikgenuss pur. Allerdings nichts für zarte Ohren - "This music has to be played loud" ...

Nicht nur das Publikum, auch die Musiker waren sichtlich älter geworden, musikalisch gereift, sicher auch etwas ruhiger, was aber ihrer Spielfreude keinerlei Abbruch tat. Der 66-jährige (!) Chris Farlowe röhrte seinen Blues wie in alten Zeiten, Clempson und Clarke wetteiferten mit ihren Gitarren um die schnellsten und kompliziertesten Figuren, Thompson gab dem Ganzen die jazzige Note, und Hiseman und Greenslade steuerten die noch fehlenden Zutaten zu einem perfekten Menü bei. Die geniale Mischung aus Rock, Blues und Jazz, zahlreiche, für Colosseum so typische Tempowechsel innerhalb eines Stückes, die spannungsgeladene, langsame Steigerung des Tempos bis zum Staccato ... Man hatte nie das Gefühl, dass da ein Programm abgespult wurde, was möglichst schnell zu Ende gebracht werden muss. Das Publikum wusste es zu würdigen ...

Als Zugabe lieferte Jon Hiseman ein brilliantes viertelstündiges Schlagzeugsolo ab, welches nahtlos in - was wäre ein Colosseum-Konzert ohne dieses Stück - "Lost Angeles" überging. Etwas ruhiger, etwas reifer als die Version von 1971, deren Perfektion und furioses Tempo wohl einmalig war und nie wieder erreicht werden wird, und doch ein würdiger Abschluss dieses großen Abends. Mit "Thank you, we had a great concert ..." entließ Jon Hiseman das Publikum in eine ungewöhnlich laue Aprilnacht. "Thank you, Colosseum", wir hoffen, es war nicht das letzte Mal ...

© Copyright by H. Schlichter

 

Colosseum Live 1971

Colosseum Live 1971 ...

 

Colosseum Live 2007

 ... und 34 Jahre später

 

Links:

Bericht über das Konzert in Erfurt, 7.April 2007

Bericht über das Konzert in Dresden, 22.April 2007

Todgeweihte grüßen dich (Die Zeit)

Bildergalerie (Die Zeit)

Temple Music

 


 

Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, den 29. Juli 2010 um 20:15 Uhr

 

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